23. Race the Train in Tywyn

Ein 23,733 km Ultra-Crosslauf im Herzen von Wales

Uli Sauer, ein befreundeter Läufer aus Witten und seines Zeichens "Wales-Spezialist", hat uns durch einen Artikel auf seiner Webseite (www.uli-sauer.de) auf die Idee gebracht, an einem ganz speziellen Lauf in Tywyn (Gwynedd, Wales) teilzunehmen:
Ein Wettlauf über 23,733 km gegen einen Zug.

Die Regeln
Der Zug, ein Schmalspur-Dampfzug aus dem Jahr 1866, startet vom Bahnhof Tywyn und fährt das Tal am Fathew-Bach entlang bis Abergynolwyn. Dort wird die Lok umgekoppelt und der Zug fährt zurück. Die Läufer starten auf der Strasse vor dem Bahnhof und laufen bis kurz vor Abergynolwyn durch die Talsohle. Dann geht es am Berghang entlang zurück. Wer zuerst wieder in Tywyn ist, hat gewonnen.
15 Minuten nach dem ersten Zug fährt ein zweiter Zug nach Abergynolwyn. Wenn dieser dort ankommt, ist die Lok des ersten Zuges umgekoppelt und der erste Zug fährt zurück. Danach fährt auch der zweite Zug zurück. So haben etwas schwächere Läufer die Chance eventuell den zweiten Zug zu schlagen.

Der Gegner
Die Bahnlinie nennt sich Talyllyn. Lok und Waggons haben eine Spurweite von 686 mm. Der Zug besteht aus der Dampflok, einem seitlich offenen Waggon und drei bis vier geschlossenen Waggons mit Glasfenstern.
Ursprünglich war die Bahnlinie, die nur aus der Punkt-zu-Punkt-Verbindung Tywyn - Abergynolwyn - Nant Gwernol (10,6 km) besteht, zum Schiefertransport von den Bergen zur Küste bestimmt. Ab 1880 wurden dann auch Personen befördert. Gegen 1950 wurde die Bahn unrentabel, so dass der Betrieb eingestellt wurde. Kurz vor Verschrottung gründete sich in Privatinitiative der weltweit erste Verein zur Erhaltung einer Bahnlinie, der bis heute erfolgreich besteht.

Die Deliquenten
Vier Läufer und Gina sind nach Wales gefahren. Gina hat für den Tag des Laufs eine Fahrkarte für den zweiten Zug, da hier die Wahrscheinlichkeit am Grössten ist, dass sie uns sehen und anfeuern kann.
Als Läufer mit dabei sind Angelika, Kirsten, Michael und ich.

Streckenbesichtigung und Fahrt mit der Talyllyn-Railway
Wir fahren um 10:30 Uhr von Eglwys Fach über Machynlleth nach Tywyn. Die Entfernung nach Tywynn beträgt Luftlinie nur 11,4 km. Da wir aber das Dyfi-Delta zwischen uns und Tywyn haben, beträgt die gefahrene Distanz 33 km. Wir müssen das Delta hinauf bis zur ersten Brücke und dann auf der anderen Seite zurück bis Tywyn. Nach 40 Minuten sind wir da.

Direkt neben dem Bahnhof ist eine grosse Wiese, wo viele Helfer dabei sind den Wettkampf des nächsten Tages vorzubereiten. Ein riesiges Zelt steht bereits und auch der Zielkanal und der Nachzielbereich sind bereits fertig. Zwei Waliser mühen sich mit einem grossen Schild ab. Wir kommen ins Gespräch und machen Fotos.

Dann gehen wir zum alten Bahnhof und kaufen Fahrkarten. Wir wollen bis zur Endstation fahren, dort aussteigen, etwas wandern und dann mit einem späteren Zug wieder zurück. Im Wettkampf benötigt der Zug ca. 1:45 h. Im Normalbetrieb fährt er eine Station weiter und die Fahrt dauert dann ca. 2:10 h.
Den Lokführern, Schaffnern, Heizern merkt man den Enthusiasmus an, mit dem sie "Ihre" Bahn betreiben. Der Zug fährt auf die Sekunde pünktlich los. Fahrkarten sind aus Pappe und werden mit einer Zange abgeknipst.

Kurz nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof sehen wir Richtungspfeile auf einem Acker. An dieser Stelle scheint die Strecke flach und nicht besonders anspruchsvoll. Sollte es doch möglich sein den Zug zu schlagen? Je weiter wir das Tal hinauf fahren, desto enger wird es. Ab und zu sehen wir Richtungspfeile im Tal und am Berghang.
Kurz vor der Ankunft in Abergynolwyn setzt starker Regen und Gewitter ein. Wir verwerfen unseren Plan hier auszusteigen und bleiben im Zug sitzen, um die Rückfahrt anzutreten.

Am späten Nachmittag fahren wir wieder zurück in unser Cottage. Dort starten wir unsere eigene, ganz private Nudelparty mit Fisch- oder Tomatensauce und Salat aus dem farmeigenen Garten.

Der Lauf gegen den Zug
Noch in der Nacht schüttet es wie aus Eimern. Auch im Laufe des Tages hört es nur Minutenweise auf zu regnen. Um 11:00 Uhr sind wir auf dem Platz mit dem Festzelt direkt neben Start und Ziel des Hauptlaufs. Das Festzelt ist bereits gut gefüllt. Da unser Start erst um 14:05 Uhr ist, haben wir noch reichlich Zeit uns alles anzusehen. Wir suchen uns einen freien Platz an einem der vielen Tische. Neben diversen Charity-Geldeinsammlern gibt es eine Futterbar, Lotterie und einen Rotary-Werbestand sowie verschiedene Verkaufsstände. Draussen im Regen werden gerade drei Hüpfburgen aufgeblasen (?!?).

Vor unserem Lauf findet ein Bambini-Lauf (Toddlers Trot), ein 10,57 km-Lauf, ein 5,5 Meilen-Lauf und ein 3,5 Meilen-Lauf statt. Die Läufer der Zwischendistanzen werden mit dem Zug, gegen den sie danach laufen werden, zu ihren jeweiligen Startpunkten im Tal gebracht. Als Laufstrecke hat man die wesentlich schwierigere Berghangseite gewählt. Während wir warten kommen die ersten Läufer ins Ziel. Warum sind die bloss so dreckig ?

13:30 Uhr. Langsam wird es ernst. Während Angelika, Kirsten und Michael ihre Sachen ins Auto bringen, nutze ich den Aufbewahrungsservice. Der besteht aus einem Van, in den alle Taschen unsortiert hineingeworfen werden. Man sollte sich merken wo man seine Sachen hinpackt, sonst muss man später den ganzen Wagen ausräumen.

An den sechs Toilettenhäuschen bildet sich eine (!!!) lange Schlange. Das Anstehen an Warteschlangen haben die Briten perfektioniert. Es gibt keine Hektik und kein Vordrängeln. Ich stelle mich an und bin gerade rechtzeitig zum Warmlaufen fertig. Zehn Minuten vor dem Wettkampf gehe ich zum Start und stelle mich in die 6 - 8 Reihe. Der Zug steht auf der anderen Seite des Bahngebäudes und ist für uns nicht zu sehen.
Pünktlich um 14:05 Uhr pfeifft die Lok. Das ist das Startzeichen und das Feld setzt sich in Bewegung. Die Lok leider auch und zwar so schnell, dass sie innerhalb von Minuten nur noch eine Rauchfahne am Horizont hinterlässt. Tolles Wettrennen!

Erstmalig wird die Zeit mit dem Champion-(Leih)-Chip gemessen. Etwas ungewohnt ist, dass der Chip mit einem Klettband an den Fesseln getragen wird. Unsere eigenen Chips machen wir normalerweise an den Schnürsenkeln der Schuhe fest.

Der Kurs verläuft zunächst durch die Stadt Tywyn. Diese ist nicht besonders gross und so biegen wir nach ca. einem Kilometer auf einen matschigen Feldweg mit vielen Pfützen ein. Es regnet zwar immer noch stark, aber der Untergrund ist einigermassen fest. Bislang also nichts Dramatisches.

Dann die erste leichte aber langgezogene Steigung. Wir erreichen eine kleine Farm. Hier endet der Weg und damit auch die Aussicht auf eine gute Endzeit. Wir laufen durch ein Gatter und erreichen eine Weide. Das Gras ist glatt vom Regen, der Boden ist weich und mit vielen Matschlöchern und Pfützen gespickt. Obwohl wir auf der Talsohle laufen, ist der Untergrund nicht eben. Der Weg fällt immer nach links oder rechts ab, wodurch man den Fuss nicht gerade auf den Boden setzen kann.

Dann wieder ein Feldweg. Hinter einer Kurve das erste Bonbon: Wassergraben! Die ganze Wegbreite steht voll mit Schlammwasser. Drei Schritte benötige ich ohne zu wissen, wie tief das Wasser ist. Aber die Läufer vor mir sind ja auch durchgekommen. Jetzt nach 3 km habe ich keinen trockenen Fetzen mehr an mir.

Der Kurs wird Meter für Meter matschiger. Bei den Übergängen zwischen den Feldern gibt es dicken Schlick und die Hinterlassenschaften von Kühen und Schafen. Ein Weg ist nicht immer zu erkennen. Wir laufen von Richtungspfeil zu Richtungspfeil. Man kann seinen Laufstil nicht so recht planen, da man nie weis in welche Richtung der Fuss, den man gerade aufsetzt, rutschen wird.
In Höhe Dolgoch Falls kommen wir an einen Abhang. Der ist so matschig, dass es kein Halten mehr gibt. Wir rutschen wie auf Schlittschuhen den Abhang herunter. Die ersten Läufer stürzen und drehen sich durch den Schlamm. Bei einem Sturz kann man nur hoffen nicht auf einen der reichlich vorhandenen Steine, Brombeerensträucher oder Stacheldrahtzäune zu treffen.

Kurz vor der Wende bei Meile 7 hat ein netter Farmer extra für uns sein Land frisch und extratief gepflügt. Bei jedem Schritt durch das frische regengetränkte Feld spürt man wie der Boden einem die Kraft aussaugt.

Halbzeit
Jetzt haben wir die Hälfte geschafft. Der Zug, der ja in Abergynolwyn umgekoppelt wird, ist bislang noch nicht wieder aufgetaucht. Erstmals liege ich vor dem Zug, der aber jetzt wieder aufholt. Spannend ist nur wo er mich überholt.

"The second half is much tougher !" hiess es im Vorfeld des Laufs. Und so ist es auch. Wir laufen durch einen kleinen Steintunnel auf die andere Seite des Gleises und auf die Bergflanke zu. Dann eine extrem starke Steigung. Auf allen Vieren arbeite ich mich von Grassbüschel zu Grassbüschel und zwischen Steinen den Berg hoch. Der Puls ist schon längst im roten Bereich.
Oben angekommen erwartet uns ein 20 - 30 cm breiter Höhenpfad. Rechts der Abgrund mit der Zugstrecke.
In diesem Moment kommt von vorne der zweite Zug, der 15 Minuten nach dem Ersten gestartet ist, mit Gina an Board. Sie kann mich nicht sehen, da ich schräg über ihr am Berghang entlangrutsche. Laufen ist hier kaum mehr möglich. Man muss nach Stellen suchen, um den Fuss aufzusetzen. Ist die Stelle zu weich, rutscht man den Berg runter. Der Läufer vor mir macht das bei jedem zehnten Schritt und krabbelt mehr durch den Dreck als zu laufen. Überholen geht hier nicht; aber da der Typ einen hohen Unterhaltungswert hat, bleibe ich gerne hinter ihm.

Meine Schuhe kann man kaum noch erkennen. Ich habe zwei braune Klöße an den Beinen. Zur Abwechslung wird der Pfad jetzt auch noch steil. Stellenweise wünsche ich mir ein Seil zum festhalten oder einen Stock mit dem ich mich abstützen kann. An einer Steigung hat man Stroh auf den Matsch gelegt, damit die Läufer überhaupt heraufkommen und nicht mit dem Berghang nach unten rutschen.

Dann das Highlight bei 17 km. Eine Helferin warnt uns: "Attention, be careful. It´s very muddy ahead !". Ich bin der Meinung, dass es schon die ganze Zeit "very muddy" ist. Dann werde ich eines Besseren belehrt. Eine ca. 20 Meter lange Schlammsuhle in die nicht mal Schweine gehen würden liegt vor uns. Das Zeug ist schwarzbraun und ich finde es stinkt. Noch bevor ich mich entscheide nicht da durch zu laufen, bin ich schon drin. Man sinkt bis zur Wadenmitte ein und hofft bei jedem Schritt, dass der Schuh wieder mit rauskommt. Ich will nicht auch noch mit den Händen in diesem "Zeug" wühlen müssen.

Die Kräfte gehen so langsam zu Ende. Bei Meile 11 überholt mich der erste Zug unter dem Jubel der Fahrgäste, die in den Waggons sitzen. Ich weis nicht was es da zu jubeln gibt, winke aber trotzdem.

Die Strecke wird etwas besser. Das heisst man kann wieder laufen. Gefährlich bleibt es allemal. Ein falscher Schritt und man landet wahlweise auf rostigem Stacheldraht oder schlägt sich die Knochen an den liebevoll in den Matsch integrierten Schiefersteinen auf. Der Lauf ist eine Extrembelastung für Bänder und Sehnen. Besonders die 45°-schräge nasse Wiese die auf 500 m längs durchlaufen wird, dehnt das Fussgelenk auf´s Allerliebste.
Als auch die letzten Kraftreserven verbraucht sind, nähern wir uns dem Ziel.

Die Betreuung im Ziel ebenso wie auf der Strecke ist erstklassig. Wir bekommen ein Getränk, Power-Gel, und ein Goodie-Bag mit T-Shirt, Medaille und Warenproben. Eine Urkunde bekommt nur, wer den ersten Zug geschlagen hat. Ich habe zumindest gegen den zweiten Zug gewonnen.

Die Duschen erinnern eher an die Schweinesuhle von km 17 also ziehe ich mich im Freien um. Danach suche ich die anderen. Alle kommen in sehr guten Zeiten und was viel wichtiger ist, heil und gesund ins Ziel.
Da sich das Wetter noch nicht gebessert hat, beschliessen wir zurückzufahren und im Cottage zu duschen.

Fazit
Ein einmaliges Erlebnis, extrem schwierig, bisweilen gefährlich aber sehr gut organisiert.
Auf keinen Fall für Anfänger geeignet !

Ein Bericht von Dirk Kleefisch